Vom Menschen beeinflusst - gut oder böse?

verfasst am 13.07.2006 von Diethelm Schneider

Aktuell wird in Leserbriefen des Generalanzeiger Bonn immer wieder das Thema 'Rabenvögel versus Singvögel' diskutiert.
Ich möchte hier einen Leserbrief zitieren und anschließend besprechen.

Leserbrief auf "Der Schöpfer wäre die richtige Adresse":
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Alle Vögel haben einen Auftrag

Zunächst ist zu dem Leserbrief von Frau Thiemann festzustellen, dass alle Vögel Teil des Schöpfungsaktes sind. Alle, die bösen (Rabenvögel) und die guten (Singvögel) haben einen Auftrag in der Natur, den sie, sofern der Mensch nicht eingreift, auch erfüllen.
 Leider haben wir heute eine Situation, wo ein sehr ungesundes Verhältnis von Rabenvögeln zu den kleinen Sängern entstanden ist. An diesem Dilemma sind aber nicht die Rabenvögel Schuld, sondern es ist der Mensch, der es zugelassen hat, dass sich einige Arten extrem vermehren, während andere Arten auf Grund von Zerstörungen ihrer Biotope es nicht mehr schaffen, genug Brut hochzubringen, um die allgemeine Verlustraten (Zug in den Süden und zurück) ausgleichen zu können. Die schlauen Rabenvögel haben längst erkannt, dass in den Gärten mehr Nahrung für ihre Brut zu erlangen ist, als ein Nadelwald hergibt. Man sollte auch nicht die falschen (Saatkrähen) an den Pranger stellen. Als Koloniebrüter suchen sie ihre Nahrung für die Brut zum größten Teil auf Feldern und Wiesen, wobei auch gelegentlich Gelege von Bodenbrütern genutzt werden. Spezialisten für die Dezimierung der Singvogelbruten sind Eichelhäher, Elstern und Rabenkrähen. Es sollte allerdings nicht vergessen werden, dass in der Natur das Gesetz des Stärkeren (fressen und gefressen werden) herrscht. So sehr es zu bedauern ist, wenn die kleinen Sänger immer weniger werden, so kann man aber nicht die Rabenvögel unter Generalverdacht stellen. Sie handeln instinktmäßig und nicht mit Verstand, wie es die Krone der Schöpfung tun sollte.
Aloys Paus, Bonn
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 Soweit das Zitat, das ich hier ungekürzt wiedergegeben habe.
 Sind Sie bereit für eine Analyse? Gut, dann wollen wir zunächst auf ein paar Widersprüche hinweisen:
 Insgesamt haben wir es also wohl doch nicht mit einem Fachmann zu tun, sondern mit einem belesenen Laien.
 Das sogenannte 'Gesetz des Stärkeren' ist eine schlechte (und ideologisch gefärbte) Übersetzung von Darwins 'Survival of the fittest'. 'Fittest' bedeutet aber 'bestangepasst', das heißt für einen Lebensraum mit seinen klimatischen Anforderungen, seinen Anforderungen an die Nahrungsbeschaffung und die vorhandene Konkurrenz durch andere Arten. 'Bestangepasst' heißt aber implizit immer 'an eine gegebene Situation'. Ändert sich die Situation, z.B. durch Klimawandel, anthropogene Beeinflussung oder andere Faktoren, so sind die vormals optimalen Anpassungen unter Umstände keine mehr, das heißt es werden neue Anpassungen notwendig.
 Das kann aber eben auch heißen, dass die bisher vorhandenen Gleichgewichte zwischen den verschiedenen Arten sich ändern, weil die vorhandenen Anpassungen auf die neue Situation unterschiedlich gut passen.

 Hier ist jetzt der Mensch gefragt:
 Wohl gemerkt: Es geht hier nicht um ein Abschießen insgesamt, sondern eine Reduktion auf eine Anzahl, die anderen Organismen (hier: Singvögeln) ein gleichzeitiges Vorkommen erlaubt.

 Mit moralischen Kategorien hat das alles überhaupt nichts zu tun, Rabenvögel sind weder gut noch böse, sondern handeln instinktmäßig, wie der Leserbriefschreiber richtig anmerkt.
 Andererseits gibt es auch kein immanentes Gesetz (oder höheren Ratschluss), das (oder der) den Menschen zwingen würde, diese Änderungen der Artenzahlen (Dominanzverhältnisse) als 'unvermeidlich' oder 'gottgegeben' hinzunehmen.

 Wenn man die belebte Welt richtig verstehen will, muss man das Wechselspiel der Arten als einen eingespielten Regulationsmechanismus betrachten.

 Noch eine Anmerkung sei mir erlaubt:
 Dass der Leserbriefschreiber einerseits darlegt, dass es genau die Rabenvögel sind, andererseits aber sagt, man dürfe 'aber nicht die Rabenvögel unter Generalverdacht stellen', wirkt schizophren (weil sie ja - siehe oben - nicht gut oder böse sein können), zeigt aber auch eine seltsame Rechtsauffassung:
 Es klingt, als sollten die Rabenvögel abgeschossen werden, weil sie Schuld am Verschwinden der Singvögel tragen. Nach dem Motto: Wir erklären jemanden für vogelfrei (zum Abschuss freigegeben), weil er Schuld auf sich geladen hat. Das ist pures Mittelalter. Wenn die Rabenvögel Schuld im menschlichen Sinne hätten, dann müsste man sie umerziehen, aber nicht abschießen.
 Dass es nicht um Abschuss, sondern nur um Reduktion gehen kann, wurde oben schon gesagt.

 Zu guter Letzt möchte ich noch auf einen aktuellen Artikel in 'Biologie in unserer Zeit' hinweisen:
 'Großräumiges Kartierungsprojekt im Rheinland: Welche Vögel sind noch da?' von Michael Wink und Christian Dietzen in BiuZ 4/2006 (36), S.252 -259.
 Darin wird deutlich, dass von einem Rückgang der Brutareale vor allem Vögel der Agrarlandschaft und Langstreckenzieher (insbesondere insektenfressende) betroffen sind.
  Überraschender Weise haben dagegen 45 Prozent aller Brutvogelarten ihr Areal ausgeweitet und 35 Prozent zeigen keine Veränderung. Details sind dem Artikel zu entnehmen.

 Die immer wieder vorgetragene Abnahme der Singvögel insgesamt lässt sich damit nicht belegen.

Ergänzung vom 13.09.2011:
Vielleicht sollte man den Blick mal wegwenden von den Rabenvögeln und einen Blick werfen auf die industrialisierte Landwirtschaft:
 
Ausgeräumte Landschaften ohne blühende Hecken und Ackerrandstreifen bieten blütenbesuchenden Insekten keinerlei Nahrung, geschweige denn Nistmöglichkeit. Von unseren über 33.300 heimischen der Wissenschaft bekannten Insekten sind schon allein von den Hautflüglern (Bienen, Wespen, Grabwespen, Lehmwespen, Schlupfwespen) über 11.000 Arten zur Eigenversorgung auf Nektar angewiesen. Ohne ganzjähriges Nektarangebot haben sie alle keine Überlebenschance.
Von der zusätzlichen Dezimierung der übrigen Insekten durch den Einsatz von Pestiziden haben wir dabei noch gar nicht geredet.

Viele Vögel sind auf Insekten als Nahrung angewiesen! Es ist daher kein Zufall, dass insbesondere insektenfressende Vögel einen starken Rückgang aufweisen.

Den Rabenvögeln wird also zur Last gelegt, was der Mensch mit seiner alleinigen Ausrichtung der Landwirtschaft an der Optimierung für den Maschinen-Einsatz sowie dem daraus folgenden Pestizid-Einsatz (= Industrielle Landwirtschaft) verursacht hat.

Ergänzung vom 26.2.12:
Zum Rückgang der Vögel der Agrarlandschaft findet sich im Infobrief     Nr.11/2011 vom 18. November 2011 des Landesnaturschutzverbandes Baden-Württemberg folgender Hinweis:

Bestandssituation der Vögel der Agrarlandschaft 

Starke Bestandsrückgänge 

Keine andere Vogelartengruppe war in den letzten Jahrzehnten in Deutsch- land von so starken und anhaltenden Bestandsrückständen betroffen wie Vögel der Agrarlandschaft. Dies gilt auch für weite Teile Europas, insbesondere die EU-Mitgliedsstaaten. Der Dachverband Deutscher Avifaunisten e. V. (DDA) hat die Ursachen untersucht und nennt in seinem Positionspapier die Erforderlichen Maßnahmen zur Stabilisierung der Vogel-Bestände und zum Umkehr der negativen Entwicklung bei den Agrarvögeln. Logr.

http://www.dda- web.de/downloads/texts/positionspapier_agrarvoegel_dda_dog.pdf 

 
 


Quelle: http://oekologie-forum.de/Druckansicht_Vom-Menschen-beeinflusst---gut-oder-boese_8.html