Vom Menschen beeinflusst - gut oder böse?

Aktuell wird in Leserbriefen des Generalanzeiger Bonn immer wieder das Thema 'Rabenvögel versus Singvögel' diskutiert.
Ich möchte hier einen Leserbrief zitieren und anschließend besprechen.

Leserbrief auf "Der Schöpfer wäre die richtige Adresse":
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Alle Vögel haben einen Auftrag

Zun√§chst ist zu dem Leserbrief von Frau Thiemann festzustellen, dass alle V√∂gel Teil des Sch√∂pfungsaktes sind. Alle, die b√∂sen (Rabenv√∂gel) und die guten (Singv√∂gel) haben einen Auftrag in der Natur, den sie, sofern der Mensch nicht eingreift, auch erf√ľllen.
 Leider haben wir heute eine Situation, wo ein sehr ungesundes Verh√§ltnis von Rabenv√∂geln zu den kleinen S√§ngern entstanden ist. An diesem Dilemma sind aber nicht die Rabenv√∂gel Schuld, sondern es ist der Mensch, der es zugelassen hat, dass sich einige Arten extrem vermehren, w√§hrend andere Arten auf Grund von Zerst√∂rungen ihrer Biotope es nicht mehr schaffen, genug Brut hochzubringen, um die allgemeine Verlustraten (Zug in den S√ľden und zur√ľck) ausgleichen zu k√∂nnen. Die schlauen Rabenv√∂gel haben l√§ngst erkannt, dass in den G√§rten mehr Nahrung f√ľr ihre Brut zu erlangen ist, als ein Nadelwald hergibt. Man sollte auch nicht die falschen (Saatkr√§hen) an den Pranger stellen. Als Koloniebr√ľter suchen sie ihre Nahrung f√ľr die Brut zum gr√∂√üten Teil auf Feldern und Wiesen, wobei auch gelegentlich Gelege von Bodenbr√ľtern genutzt werden. Spezialisten f√ľr die Dezimierung der Singvogelbruten sind Eichelh√§her, Elstern und Rabenkr√§hen. Es sollte allerdings nicht vergessen werden, dass in der Natur das Gesetz des St√§rkeren (fressen und gefressen werden) herrscht. So sehr es zu bedauern ist, wenn die kleinen S√§nger immer weniger werden, so kann man aber nicht die Rabenv√∂gel unter Generalverdacht stellen. Sie handeln instinktm√§√üig und nicht mit Verstand, wie es die Krone der Sch√∂pfung tun sollte.
Aloys Paus, Bonn
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 Soweit das Zitat, das ich hier ungek√ľrzt wiedergegeben habe.
 Sind Sie bereit f√ľr eine Analyse? Gut, dann wollen wir zun√§chst auf ein paar Widerspr√ľche hinweisen:
 Insgesamt haben wir es also wohl doch nicht mit einem Fachmann zu tun, sondern mit einem belesenen Laien.
 Das sogenannte 'Gesetz des St√§rkeren' ist eine schlechte (und ideologisch gef√§rbte) √úbersetzung von Darwins 'Survival of the fittest'. 'Fittest' bedeutet aber 'bestangepasst', das hei√üt f√ľr einen Lebensraum mit seinen klimatischen Anforderungen, seinen Anforderungen an die Nahrungsbeschaffung und die vorhandene Konkurrenz durch andere Arten. 'Bestangepasst' hei√üt aber implizit immer 'an eine gegebene Situation'. √Ąndert sich die Situation, z.B. durch Klimawandel, anthropogene Beeinflussung oder andere Faktoren, so sind die vormals optimalen Anpassungen unter Umst√§nde keine mehr, das hei√üt es werden neue Anpassungen notwendig.
 Das kann aber eben auch hei√üen, dass die bisher vorhandenen Gleichgewichte zwischen den verschiedenen Arten sich √§ndern, weil die vorhandenen Anpassungen auf die neue Situation unterschiedlich gut passen.

 Hier ist jetzt der Mensch gefragt:
 Wohl gemerkt: Es geht hier nicht um ein Abschie√üen insgesamt, sondern eine Reduktion auf eine Anzahl, die anderen Organismen (hier: Singv√∂geln) ein gleichzeitiges Vorkommen erlaubt.

 Mit moralischen Kategorien hat das alles √ľberhaupt nichts zu tun, Rabenv√∂gel sind weder gut noch b√∂se, sondern handeln instinktm√§√üig, wie der Leserbriefschreiber richtig anmerkt.
 Andererseits gibt es auch kein immanentes Gesetz (oder h√∂heren Ratschluss), das (oder der) den Menschen zwingen w√ľrde, diese √Ąnderungen der Artenzahlen (Dominanzverh√§ltnisse) als 'unvermeidlich' oder 'gottgegeben' hinzunehmen.

 Wenn man die belebte Welt richtig verstehen will, muss man das Wechselspiel der Arten als einen eingespielten Regulationsmechanismus betrachten.

 Noch eine Anmerkung sei mir erlaubt:
 Dass der Leserbriefschreiber einerseits darlegt, dass es genau die Rabenv√∂gel sind, andererseits aber sagt, man d√ľrfe 'aber nicht die Rabenv√∂gel unter Generalverdacht stellen', wirkt schizophren (weil sie ja - siehe oben - nicht gut oder b√∂se sein k√∂nnen), zeigt aber auch eine seltsame Rechtsauffassung:
 Es klingt, als sollten die Rabenv√∂gel abgeschossen werden, weil sie Schuld am Verschwinden der Singv√∂gel tragen. Nach dem Motto: Wir erkl√§ren jemanden f√ľr vogelfrei (zum Abschuss freigegeben), weil er Schuld auf sich geladen hat. Das ist pures Mittelalter. Wenn die Rabenv√∂gel Schuld im menschlichen Sinne h√§tten, dann m√ľsste man sie umerziehen, aber nicht abschie√üen.
 Dass es nicht um Abschuss, sondern nur um Reduktion gehen kann, wurde oben schon gesagt.

 Zu guter Letzt m√∂chte ich noch auf einen aktuellen Artikel in 'Biologie in unserer Zeit' hinweisen:
 'Gro√ür√§umiges Kartierungsprojekt im Rheinland: Welche V√∂gel sind noch da?' von Michael Wink und Christian Dietzen in BiuZ 4/2006 (36), S.252 -259.
 Darin wird deutlich, dass von einem R√ľckgang der Brutareale vor allem V√∂gel der Agrarlandschaft und Langstreckenzieher (insbesondere insektenfressende) betroffen sind.
  √úberraschender Weise haben dagegen 45 Prozent aller Brutvogelarten ihr Areal ausgeweitet und 35 Prozent zeigen keine Ver√§nderung. Details sind dem Artikel zu entnehmen.

 Die immer wieder vorgetragene Abnahme der Singv√∂gel insgesamt l√§sst sich damit nicht belegen.

Ergänzung vom 13.09.2011:
Vielleicht sollte man den Blick mal wegwenden von den Rabenvögeln und einen Blick werfen auf die industrialisierte Landwirtschaft:
 
Ausger√§umte Landschaften ohne bl√ľhende Hecken und Ackerrandstreifen bieten bl√ľtenbesuchenden Insekten keinerlei Nahrung, geschweige denn Nistm√∂glichkeit. Von unseren √ľber 33.300 heimischen der Wissenschaft bekannten Insekten sind schon allein von den Hautfl√ľglern (Bienen, Wespen, Grabwespen, Lehmwespen, Schlupfwespen) √ľber 11.000 Arten zur Eigenversorgung auf Nektar angewiesen. Ohne ganzj√§hriges Nektarangebot haben sie alle keine √úberlebenschance.
Von der zus√§tzlichen Dezimierung der √ľbrigen Insekten durch den Einsatz von Pestiziden haben wir dabei noch gar nicht geredet.

Viele V√∂gel sind auf Insekten als Nahrung angewiesen! Es ist daher kein Zufall, dass insbesondere insektenfressende V√∂gel einen starken R√ľckgang aufweisen.

Den Rabenv√∂geln wird also zur Last gelegt, was der Mensch mit seiner alleinigen Ausrichtung der Landwirtschaft an der Optimierung f√ľr den Maschinen-Einsatz sowie dem daraus folgenden Pestizid-Einsatz (= Industrielle Landwirtschaft) verursacht hat.

Ergänzung vom 26.2.12:
Zum R√ľckgang der V√∂gel der Agrarlandschaft findet sich im Infobrief     Nr.11/2011 vom 18. November 2011 des Landesnaturschutzverbandes Baden-W√ľrttemberg folgender Hinweis:

Bestandssituation der Vögel der Agrarlandschaft 

Starke Bestandsrückgänge 

Keine andere Vogelartengruppe war in den letzten Jahrzehnten in Deutsch- land von so starken und anhaltenden Bestandsrückständen betroffen wie Vögel der Agrarlandschaft. Dies gilt auch für weite Teile Europas, insbesondere die EU-Mitgliedsstaaten. Der Dachverband Deutscher Avifaunisten e. V. (DDA) hat die Ursachen untersucht und nennt in seinem Positionspapier die Erforderlichen Ma√ünahmen zur Stabilisierung der Vogel-Bestände und zum Umkehr der negativen Entwicklung bei den Agrarvögeln. Logr.

http://www.dda- web.de/downloads/texts/positionspapier_agrarvoegel_dda_dog.pdf 

 
 

Am 13.07.2006 von Diethelm Schneider verfasst.