Die Pestizide töten schädliche wie gute Insekten - und Vögel!

Am 10.7.14 erschien in der SZ ein Artikel, der alles best√§tigt, was hier √ľber Pestizide und ihre Auswirkung auf die Biologische Vielfalt gesagt wurde:

Eine moderne Sorte von Pestiziden steht in der Kritik. Biologen vermuten nicht nur einen Zusammenhang mit dem Bienensterben. Die Gifte töten offenbar auch Vögel.


Von Kathrin Zinkant
Am auff√§lligsten ist das Schnarren. Fast rhythmisch durchbricht es das Gezwitscher der blauschwarz gl√§nzenden Rauchschwalbe. Zu h√∂ren ist es im Sommer fast europaweit. √úberall dort, wo der Mensch Kulturlandschaften geschaffen und sie vielf√§ltig gestaltet hat. Vor allem in der N√§he artenreicher √Ącker.

F√ľr Freunde des eleganten kleinen Vogels aber hat der Nimwegener Populationsdynamiker Caspar Hallmann schlechte Nachrichten. Hollands Rauchschwalben verschwinden. In einigen Regionen der Niederlande sogar rasant, und schuld daran ist mit gro√üer Wahrscheinlichkeit letztlich ein Insektengift, das in diesen Gebieten sehr gro√üz√ľgig von Landwirten eingesetzt wurde. Es hei√üt Imidacloprid und macht nicht nur der Rauchschwalbe das Leben schwer: Gemeinsam mit Kollegen des Sovon-Zentrums f√ľr Ornithologie und der Radboud-Universit√§t in Nimwegen hat Hallmann neben der Rauchschwalbe noch 14 weitere Sperlingsvogelarten in der holl√§ndischen Fauna untersucht.

Der systematische Vergleich zwischen der Entwicklung der Best√§nde und dem Einsatz von Imidacloprid seit Mitte der 1990er-Jahre zeigt eindr√ľcklich, wie das Insektengift die Sperlingsv√∂gel dezimiert hat - und zwar allein durch seine Wirkung auf Insekten. Die V√∂gel finden einfach nicht mehr genug Futter bei den Kerbtieren, die die Landwirte eigentlich gar nicht als Sch√§dlinge bek√§mpfen m√ľssten. Im Mittel berechneten die Forscher, dass die Best√§nde j√§hrlich um 3,5 Prozent sinken, sobald die Konzentration des Pestizids eine Schwelle im Oberfl√§chenwasser √ľberschreitet. Den Niederl√§ndern ist es damit gelungen, einen bezifferbaren Zusammenhang zwischen dem Schwund einheimischer Ackerv√∂gel und einer Klasse moderner Pflanzenschutzmittel herzustellen.

Die Pestizide töten schädliche wie gute Insekten


Und es ist nicht irgendeine Sorte Gift, um die es hier geht: Imidacloprid gehört zu den Neonicotinoiden, kurz Neonics, die ihre toxische Wirkung fast exklusiv im Nervensystem von Insekten entfalten. Seine Effektivität und breite Anwendbarkeit bescherten dem Nervengift große Erfolge: 2011 entfiel in Deutschland ein Drittel des gesamten Absatzes an Schädlingsbekämpfungsmitteln auf die Substanzklasse.

Zugleich aber stehen die Neonics schon seit den sp√§ten 1990er-Jahren im Verdacht, f√ľr den weltweit zu verfolgenden Untergang ganzer Honigbienenkolonien verantwortlich zu sein. Die Lebensmittelsicherheitsbeh√∂rde der EU nahm vor zwei Jahren Ermittlungen auf. Im vergangenen Jahr wurde ein Moratorium f√ľr den Einsatz der betreffenden Pestizide beschlossen, mit der Begr√ľndung, die Mittel stellten vermutlich ein "inakzeptables Risiko" f√ľr n√ľtzliche Insekten dar. Im Dezember 2015 allerdings wird das Moratorium wieder enden - falls neue Belege kein endg√ľltiges Verbot erzwingen.

Die Studie der Niederl√§nder d√ľrfte ein wichtiger Beitrag zu dieser Beweisf√ľhrung sein. Sie kreiste in den vergangenen Jahren fast ausschlie√ülich um Honigbienen und Hummeln - und l√∂ste sich dabei auch vom Boden der Tatsachen. So war im Juni zu lesen, dass die Schuldfrage in Sachen Bienenmord gekl√§rt sei. Unabh√§ngige Wissenschaftler der europ√§ischen Task Force on Systemic Pesticides h√§tten 800 Studien ausgewertet und gezeigt, dass Neonicotinoide f√ľr das Massensterben der Best√§uber die Hauptverantwortung tragen. Die Aussage l√§sst sich bis heute nicht √ľberpr√ľfen, weil die angek√ľndigte Meta-Analyse noch nicht ver√∂ffentlicht ist. Das betreffende Journal Environment Science and Pollution Research hat bislang nur Teile der Arbeit akzeptiert.

Weniger Beachtung fand, dass britische Mitglieder der Task Force schon im Juni Alarmierendes √ľber die Effekte von Neonics auf Wirbeltiere berichteten: Demnach schaden sie den Tieren sehr wohl direkt. Neonics st√∂ren die Fruchtbarkeit, das Wachstum, das Nervensystem und die Immunabwehr von zahlreichen h√∂heren Arten, darunter V√∂gel, Fische und S√§ugetiere. Was das in Zahlen bedeutet, wissen die Forscher noch nicht.

Viele √Ącker sind so dicht bepflanzt, dass kaum Licht auf den Boden f√§llt


Zugleich ist offenkundig, dass der massive Neonic-Einsatz der vergangenen beiden Jahrzehnte auch indirekte Effekte auf die Ackerfauna und die angrenzenden √Ėkosysteme haben muss. Weil Neonics zu etwa 94 Prozent im Boden und Grundwasser verschwinden, bis zu drei Jahre lang chemisch intakt bleiben und keineswegs zwischen guten und b√∂sen Insekten unterscheiden, dezimieren sie weltweit die Lebensgrundlage vieler Insektenfresser: von s√ľdafrikanischen Borstenh√∂rnchen √ľber die igel√§hnlichen Tenreks und Sandleguane auf Madagaskar - bis hin zur Rauchschwalbe.

Auch die meisten Sperlingsv√∂gel ern√§hren sich von Insekten. Nur Bienen stehen selten auf dem Speiseplan. Der indirekte Effekt der modernen Pestizide auf die V√∂gel wird also √ľber andere "Nicht-Ziel-Insekten" vermittelt, die rund um die behandelten Felder leben. "Die Neonicotinoide reihen sich ein in den Reigen der vielen Pestizide", sagt Hermann H√∂tker vom Bergenhusener Michael-Otto-Institut des Naturschutzbundes Deutschland. H√∂tker hat k√ľrzlich im Auftrag des Umweltbundesamtes ein Papier zum Risikomanagement von Pestiziden verfasst und zuletzt eine Studie zur Bedrohung von V√∂geln in der Ackerlandschaft ver√∂ffentlicht. Man habe lange gesehen, dass es einen Zusammenhang zwischen Pestiziden, Insekten und Artenschwund gibt, erz√§hlt der Ornithologe. Nur die Empirie habe gefehlt. "Diese neue Studie liefert zum ersten Mal handfeste Daten", lobt er die Arbeit der Niederl√§nder. Zugleich sieht der Vogelkundler ein grunds√§tzlicheres Problem, das selbst ein Verbot von Neonicotinoiden allein nicht l√∂sen wird. In Deutschland sind rund 250 Pestizide zugelassen, jedes davon beseitigt eine oder mehrere Nahrungsquellen von h√∂heren Tieren. "Mir fehlt der technologische Glaube an ein Sch√§dlingsbek√§mpfungsmittel, das so spezifisch wirkt, dass es keine Folgen f√ľr die Biodiversit√§t hat."

Letztlich gehe es nicht einmal nur um die Pestizide, sondern um die sich stetig intensivierende Landwirtschaft in Deutschland und in ganz Europa. "Die √Ącker sind heute dicht an dicht bewachsen, da dringt kein Licht durch", sagt H√∂tker. F√ľr V√∂gel seien diese Felder per se lebensfeindlich. Die Pestizide, die eine Voraussetzung f√ľr intensive Formen des Ackerbaus sind, setzen mit ihren indirekten Effekten auf das Nahrungsangebot der V√∂gel blo√ü noch einen drauf.

Ein endg√ľltiges Verbot der Neonicotinoide erscheint also zwingend, das belegt auch die Studie der Niederl√§nder. Das Problem des Artenschwundes aber l√§sst sich wohl nur durch eine ver√§nderte Agrarwirtschaft l√∂sen. Biolandbau sei eine M√∂glichkeit, sagt H√∂tker. Eine andere seien Biodiversit√§tspunkte, die vom Verbraucher √ľber die Lebensmittel mitbezahlt w√ľrden. Ein solches Modell gibt es derzeit in der Schweiz. Am Ende aber muss H√∂tker zufolge auch die Politik eingreifen und Gegenleistungen f√ľr die hohen Agrarsubventionen von den Landwirten fordern.

Sonst wird wohl schleichend eine Variante des Klassikers von Rachel Carson wahr, der einst die Umweltbewegung befl√ľgelte: "Der stumme Acker" statt "Der stumme Fr√ľhling". Ohne Bienen. Und ohne das Schnarren der Rauchschwalbe.

 

Aus der S√ľddeutschen Zeitung vom 10. Juli 2014

Am 15.07.2014 von Diethelm Schneider verfasst.