Verlust der Biologischen Vielfalt - Pestizide sind Hauptursache

Zwei unabh√§ngig voneinander erstellte Beitr√§ge kommen zum gleichen Ergebnis: Pestizide sind die Hauptursache f√ľr den Verlust der Biologischen Vielfalt.
Eine Einschr√§nkung der Verlustrate der Biologischen Vielfalt und damit eine Bewahrung der √ľbrig gebliebenen Biologischen Vielfalt setzt eine Einschr√§nkung oder einen Verzicht des Einsatzes von Pestiziden voraus.

Die aktuellen Nachrichten der Deutschen Gesellschaft f√ľr allgemeine und angewandte Entomologie e.V. (DGaaE-Nachrichten 24(2), 2010) melden folgendes:

Göttinger Agrarwissenschaftler belegen schädliche Wirkung von Pestiziden

Gr√∂√üere Felder, weniger Gr√ľn- und Brachfl√§chen, verst√§rkter Einsatz von Spritz- und D√ľngemitteln: durch die immer intensivere landwirtschaftliche Nutzung von Fl√§chen sind in den vergangenen f√ľnfzig Jahren zahlreiche Pflanzen- und Tierarten ausgestorben. Doch welche Faktoren f√ľhren zur Abnahme der Artenvielfalt? In einer gro√ü angelegten Studie haben Agrarwissenschaftler der Universit√§t G√∂ttingen zusammen mit Forschern aus acht europ√§ischen L√§ndern untersucht, wie sich einzelne Faktoren auf die Vielfalt von Pflanzen, K√§fern und bodenbr√ľtenden Ackerv√∂geln auswirken. Auch die biologische Sch√§dlingsbek√§mpfung durch nat√ľrliche Fressfeinde wurde am Beispiel von Blattl√§usen untersucht.
Die Wissenschaftler fanden heraus, dass eine Verdopplung der landwirtschaftlichen Produktion auf Getreidefeldern oftmals einhergeht mit dem Verlust etwa der H√§lfte der Pflanzenarten und einem Drittel der Laufk√§ferarten und V√∂gel. Das hat nach Ansicht der Forscher mehrere Ursachen: Agrarlandschaften verlieren ihre Vielfalt, B√ľsche und Brachfl√§chen verschwinden und die √Ącker werden immer gr√∂√üer. Au√üerdem nimmt europaweit der Einsatz von Chemikalien in der Agrarwirtschaft zu. In jeder der neun untersuchten Regionen, die √ľber Ost- und Westeuropa verteilt waren, haben die Forscher eine Vielzahl von Merkmalen zur Charakterisierung der Landschaft und zur Intensit√§t der Bodenbearbeitung erhoben. Diese Faktoren wurden anschlie√üend detailliert statistisch ausgewertet. Die Analyse kam zu dem klaren Ergebnis, dass die Hauptursache f√ľr die Verringerung der Tier- und Pflanzenvielfalt der Einsatz von Spritzmitteln wie Insektiziden und Fungiziden ist. Insektizide reduzierten zudem die M√∂glichkeit der biologischen Sch√§dlingsbek√§mpfung. Dagegen hatte eine organische Bewirtschaftung des Bodens, bei der weniger oder gar keine Pestizide eingesetzt wurden, zwar einen positiven Einfluss auf die Vielfalt der Pflanzen und Laufk√§fer, w√§hrend die Brutv√∂gel davon nicht profitieren konnten. Da V√∂gel, genauso wie viele S√§ugetiere, Tagschmetterlinge und Bienen, gr√∂√üere Landschaftsbereiche bewohnen, sind sie auch betroffen, wenn beispielsweise auf Nachbarfeldern Pestizide eingesetzt werden.
 Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass die Artenvielfalt in Europa nur erhalten werden kann, wenn die Verwendung von Spritzmitteln in gro√üen Teilen der Landwirtschaft auf ein Minimum beschr√§nkt wird.

Die Ergebnisse der Studie sind unter dem Titel "Persistent negative effects of pesticides on biodiversity and biological control potential on European farmland" in der renommierten Fachzeitschrift "basic and Applied Ecology" (2010) im Internet erschienen und unter www.elsevier.de/baae online einsehbar.
J.H.
Zu den Wegen, √ľber die Pestizide Sch√§den bei der Biologischen Vielfalt bewirken, berichtet PAN in einer aktuellen Pressemeldung:

Pflanzen und Tiere in Not - Pestizidauswirkungen auf die biologische Vielfalt

Erbgutschädigend, wassergefährdend, fischtoxisch - von Pestiziden geht eine Vielzahl unterschiedlicher Gefahren und Risiken aus. Eine neue Publikation des Pestizid Aktions-Netzwerk e.V. (PAN Germany) stellt die negativen Auswirkungen chemisch-synthetischer Pestizide auf die biologische Vielfalt dar. Exemplarisch wird die Gefährdung der Pflanzenvielfalt, von Bodenlebewesen, Gewässerorganismen, Amphibien, Bestäubern und Vögeln durch Pestizide betrachtet.

Die Zusammenschau verdeutlicht, dass der Einsatz von Pestiziden trotz teurer Wirkstoff- und Produktpr√ľfung f√ľr die Pestizid-Zulassung einen erheblichen negativen Einfluss auf die biologische Vielfalt hat. PAN Germany zieht Schlussfolgerungen f√ľr notwendige Ma√ünahmen auf (agrar)politischer Ebene.

Carina Weber, Gesch√§ftsf√ľhrerin des Pestizid Aktions-Netzwerk:
"Deutschland hat sich völkerrechtlich verbindlich zum Schutz der biologischen Vielfalt verpflichtet. Bei der Ausarbeitung des Nationalen Aktionsplans zur nachhaltigen Anwendung von Pestiziden und bei der Neuformulierung des Pflanzenschutzgesetzes muss der Biodiversitätsschutz erkennbar verbessert werden."

Susan Haffmans, Agrarexpertin beim Pestizid Aktions-Netzwerk: "Vor zwei Jahren hat das pestizidbedingte Massensterben von zigtausend Bienenvölkern in Deutschland die Menschen aufgeschreckt. Die Studie macht deutlich: Viele wildlebende Pflanzen und Tiere werden direkt und indirekt durch den Einsatz von Pestiziden geschädigt. Ein Großteil der Schädigungen vollzieht sich still."

Unkrautvernichtungsmittel können die Sauerstoffproduktion in Gewässern verändern und sich negativ auf die Nahrungskette auswirken.
Humusbildende Prozesse k√∂nnen durch den Pestizideinsatz negativ beeinflusst werden, das Orientierungs- und Sammelverhalten von Bienen wird nachweislich durch Insektizide aus der Gruppe der Neonicotinoide beeintr√§chtigt und f√ľr Amphibien sind so schwerwiegende Deformationen dokumentiert, dass sie sterben, bevor sie ausgewachsen sind.

Die Studie "Auswirkungen chemisch-synthetischer Pestizide auf die biologische Vielfalt" finden Sie unter http://www.pan-germany.org

(Quelle: Pressemitteilung von pan-germany.org vom 14.12.10)

Dass Pestizide keine harmlosen Mittelchen sind, wird aus der aktuellen Pressemeldung der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) vom 14.12.2010 deutlich:

BAYER verramscht Uralt-Pestizide

WHO: extrem gefährlich / Vielzahl von Vergiftungsfällen / "Produktion muss vollständig beendet werden!"

 14. Dez. -- Der BAYER-Konzern hat gestern bekannt gegeben, die Uralt-Pestizide Nemacur (Wirkstoff Fenamiphos) und Mocap (Ethoprophos) an die US-Firma Amvac Chemical Corp zu verkaufen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft beide Wirkstoffe als "extrem gef√§hrlich" (Gefahrenklasse I) ein. In Deutschland sind Nemacur und Mocap seit langem verboten. Die Agrochemikalien geh√∂ren zur Substanzklasse der Organophosphate und sind f√ľr eine Vielzahl von Vergiftungsf√§llen verantwortlich.
 
Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) fordert seit den 80er Jahren die Einstellung der Produktion beider Wirkstoffe sowie einen Verkaufs-Stopp f√ľr alle Klasse I-Pestizide. Philipp Mimkes vom Vorstand der CBG: "Der Einsatz von Nemacur und Mocap ist eine Gefahr f√ľr Umwelt und Gesundheit und daher nicht zu rechtfertigen. BAYER h√§tte die Produktion l√§ngst einstellen m√ľssen, statt diese Ultragifte jetzt noch profitabel zu verramschen!". Mitte der 90er Jahre  hatte der Chemie-Konzern aus Leverkusen versprochen, die Produktion von Klasse I-Pestiziden bis zum Jahr 2000 zu beenden, das Versprechen jedoch nicht eingehalten.
 
Nemacur wird beispielsweise im Bananen-Anbau eingesetzt, der Wirkstoff ist unter anderem f√ľr Vergiftungen auf den Philippinen und in Costa Rica verantwortlich. Zudem geh√∂rt der Einsatz von Nemacur zu den wahrscheinlichen Ursachen des sogenannten "toxischen √Ėl-Syndroms", das 1981 in Spanien mindestens 300 Menschenleben und Tausende von gesundheitlich schwer gesch√§digten Opfern forderte. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren ver√∂ffentlichte hierzu das Buch "Der Tod, der von den Feldern kam".
 
Organophosphate waren von Bayer in den 30er Jahren zun√§chst als Giftgase entwickelt worden (Sarin, Tabun). Nach dem Krieg entstanden hieraus Pestizide wie E605. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sch√§tzt die Zahl der j√§hrlichen Pestizidvergiftungen auf 3 bis 25 Millionen; rund 99% ereignen sich in L√§ndern des S√ľdens.
 
Axel K√∂hler-Schnura von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: "Die Produktion von Nemacur und Mocap muss endg√ľltig eingestellt werden! Bei BAYER und √ľberall." Der BAYER-Konzern hatte aufgrund der vielen Vergiftungsf√§lle einr√§umen m√ľssen, dass "der sachgerechte Umgang mit Pflanzenschutzmitteln unter bestimmten Bedingungen in einigen L√§ndern der Dritten Welt nicht immer gew√§hrleistet ist".
 
weitere Informationen:

Am 14.12.2010 von Diethelm Schneider verfasst.