Warum Bio-Milch nicht nur besser schmeckt

Dass Bio-Milch besser schmeckt, ist wissenschaftlich schon lange nachgewiesen, ebenso dass der bessere Geschmack mit der Kr√§utervielfalt der mageren, nicht ged√ľngten Wiesen zusammenh√§ngt.

Dass √Ėko-Landwirtschaft nicht nur besser f√ľr das Klima, sondern auch f√ľr die Gesundheit ist, kann man folgendem Artikel aus der taz entnehmen:

Gesunde Milch von der Viehweide 

 VIEHFUTTER Aus Heu und Gras machen K√ľhe Milch mit wertvollen Fetts√§uren. Diese wirken gegen Allergien und Herzkrankheiten.
VON KATHRIN BURGER

Gl√ľckliche K√ľhe, gr√ľne Almwiesen, Melken von Hand - das ist die romantische Vorstellung des Verbrauchers von der Milchproduktion, die jedoch kaum mit der Wirklichkeit √ľbereinstimmt. Rund 70 Prozent der Milchk√ľhe stehen das ganze Jahr √ľber in St√§llen, erhalten Kraftfutter aus Mais und Soja, das mit zahlreichen Vitaminen und Spurenelementen angereichert wird, weil die Genetik der modernen Tierrassen das mittlerweile verlangt. Zudem gelangen auch gentechnisch ver√§nderte Pflanzen in den Futtertrog. Die Tiere werden schon als K√§lber enthornt, da man sonst schwere Unf√§lle unter den eingepferchten Tieren f√ľrchtet.

 Biobauern machen das vielfach anders. Ihre K√ľhe d√ľrfen wesentlich h√§ufiger auf gr√ľnen Wiesen grasen - 60 Prozent des Futters muss Heu oder Gras sein, als Kraftfutter dienen diverse H√ľlsenfr√ľchte, die zum Gro√üteil vom eigenen Hof stammen m√ľssen und auch nicht gentechnisch ver√§ndert sein d√ľrfen. Zudem werden K√ľhe - meist auf Demeter-H√∂fen - nicht enthornt. All dies geschieht vor allem aus tierethischen und √∂kologischen Gr√ľnden.

In j√ľngster Zeit h√§ufen sich jedoch Studien, die der Biomilch auch ein gr√∂√üeres Gesundheitspotenzial bescheinigen. Erste Anhaltspunkte fand man in Langzeitstudien wie der Parsifal- oder Koala-Study. Hier zeigte sich, dass Bauernhofkinder und Kinder aus anthroposophischen Familien weniger Probleme mit Heuschnupfen, Neurodermitis oder Asthma haben. Ein Grund daf√ľr ist einerseits, dass die Bauernhofkinder mit Tierhaaren, Staub und Schmutz aus dem Stall konfrontiert sind. In diesen verstecken sich Bakterien wie Staphylokokken- und Bacillus-Arten, hat die M√ľnchner Wissenschaftlerin Erika von Mutius k√ľrzlich aufgedeckt. Die k√∂nnten f√ľr eine Toleranz gegen√ľber Allergenen sorgen.

"Aber auch die Ernährung und hier besonders die Milch scheint eine Rolle bei der Entwicklung von Allergien zu spielen'", meint Gerhard Jahreis, Ernährungswissenschaftler an der Universität Jena. Menschen, die sich an die Lehren von Rudolf Steiner halten, trinken zum Beispiel nur Milch von Höfen, die biodynamisch Wirtschaften, meist als Roh- beziehungsweise Vorzugsmilch.
Diese Milch hat sich Ton Baars, Agrarwissenschaftler an der Universit√§t in Kassel, gemeinsam mit seinem Kollegen aus Jena genauer angesehen. Tats√§chlich belegen mittlerweile mehrere Studien, dass K√ľhe, die viel Raufutter bekommen, eine andere Milch geben, als die mit Kraftfutter aufgep√§ppelten Tiere. Vor allem die Fetts√§ureverteilung ist ver√§ndert. In Biomilch fand Baars ein Drittel bis doppelt so viel Linolens√§ure, eine Omega-3-Fetts√§ure, wie in konventionell erzeugter Milch. Studien der TU M√ľnchen haben gezeigt, dass in einem halben Liter √∂kologisch erzeugter Alpenmilch 300 Milligramm Omega-3-Fetts√§uren stecken. Das ist rund ein Viertel des Tagesbedarfs. Omega-3-Fetts√§uren werden vor allem herzsch√ľtzende Eigenschaften nachgesagt. "Zudem liefert Biomilch mehr konjugierte Linols√§uren (CLA), vor allem die cis-9,trans-11-Linols√§ure, die wahrscheinlich g√ľnstig auf das Immunsystem wirkt", so Jahreis.
Der Wissenschaftler hat in einer Studie mit M√§usen gezeigt, dass Tiere mit CLA-Di√§t deutlich seltener Asthma entwickelten als die Kontrollgruppe. CLA verhinderte zumindest im Tierversuch die Bildung arterosklerotischer Plaques in den Gef√§√üen. Auch die fettl√∂slichen Vitamine E und D sowie das Provitamin A finden sich vermehrt in Milch von √Ėko- oder Berglandh√∂fen.
Wer fettarme Milch und Milchprodukte konsumiert, wie es die Deutsche Gesellschaft f√ľr Ern√§hrung (DGE) empfiehlt, verzichtet jedoch auf diese Vorz√ľge. Jahreis pl√§diert darum f√ľr Biomilch in der Vollfettvariante: "Es gibt keinen Grund, Milchfett zu meiden. Aktuelle Studien zeigen, dass die ges√§ttigten Fette aus der Milch das Risiko f√ľr Herzkrankheiten nicht erh√∂hen." Auch Katharina Scholz-Ahrens vom Max-Rubner-Institut in Kiel meint, dass die Zusammensetzung des Milchfetts g√ľnstiger ist als etwa die von industriell teilgeh√§rtetem Pflanzenfett, das viele herzsch√§digende Transfetts√§uren liefert. Darum k√∂nnten Normalgewichtige problemlos zu Milch und Milchprodukten der Vollfettstufe greifen.
Einen Mehrwert der Biomilch sieht Scholz-Ahrens hingegen nicht: "Milch ist nicht die Hauptquelle f√ľr Omega-3-Fetts√§uren oder fettl√∂sliche Vitamine. Diese N√§hrstoffe bekommt man viel einfacher aus fettem Seefisch, N√ľssen und Samen sowie guten Pflanzen√∂len. "
Wer trotzdem mehr gesunde Fette konsumieren will, sollte auf Biomilch umsteigen. Die Begriffe "Heumilch", "Alpenmilch" oder "Bergbauernmilch" sind n√§mlich nicht gesch√ľtzt. "Das ist reine Augenwischerei", so Daniel Wei√ü, Agrarwissenschaftler an der Universit√§t Weihenstephan. Auch ob Kr√§uter in der Milch geschmacklich nachzuweisen sind, wie das so manche Werbeschrift von K√§sereien behauptet, sei bislang nicht erwiesen. Insgesamt ist die Weidehaltung in Deutschland r√ľckl√§ufig, wie aus einer Kleinen Anfrage der Gr√ľnen im Bundestag hervorgeht.


Ebenfalls kontrovers wird diskutiert, ob sich "Genfutter" auf die Zusammensetzung und damit auf das Gesundheitspotenzial von Milch auswirkt. Tats√§chlich findet man in der Milch je nach Futter m√∂glicherweise auch Abschnitte der Erbsubstanz von gentechnisch ver√§nderten pflanzen - zumindest bei Ziegen wurde dies bereits nachgewiesen: "Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, dass von diesen Genabschnitten ein Risiko ausgeht, aber abschlie√üend untersucht ist diese Frage bislang nicht'", sagt Christoph Then von Testbiotech. Auch kleine Genabschnitte k√∂nnten noch biologisch wirksam sein. 
"Das Thema Genfutter ist nicht das Problem der modernen Viehwirtschaft': glaubt hingegen Wei√ü. "Viel essenzieller wirkt sich das F√ľttern von Kraftfutter auf die Physiologie der Tiere und auch auf die Milchqualit√§t aus." Auch er trinkt Biomilch, am liebsten als Rohmilch. F√ľr Weidehaltung spricht au√üerdem: Raufutter drosselt den Aussto√ü klimasch√§dlicher Gase in der Milchviehhaltung erheblich.
Beim Thema Enthornung ist man sich dagegen einig: Das Entfernen der H√∂rner hat keinerlei Auswirkungen auf die Milchqualit√§t. In der Szene kursieren n√§mlieh Ger√ľchte, dass die Milch von H√∂rner tragenden Tieren vor allem f√ľr Laktoseintolerante bek√∂mmlicher sei und als Allergieschutz tauge. Das Halten von Rindern mit H√∂rnern hat wiederum tierethische Hintergr√ľnde: K√ľhe mit H√∂rnern muss man mehr Platz gew√§hren - und den hat man auf der Weide. 

Quelle: taz vom 23.12.11

Am 31.12.2011 von Diethelm Schneider verfasst.