Kritik an "Notfall-Zulassung" f├╝r Bienenkiller Clothianidin

Statt Umwelt und Verbraucher zu sch├╝tzen und Umweltgifte endg├╝ltig abzuschaffen, werden vom Bundesamt f├╝r Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) bereits verbotene Spritzmittel per "Notverordnung" immer wieder zugelassen:

Presse-Information
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Hamburg, 22. M├Ąrz 2012

Erneut befristete Zulassung verbotener Pestizide

F├╝r konventionelle Maisbauern mag es eine gute Nachricht sein, f├╝r Imker, Natur- und Umweltsch├╝tzer ist es eine schlechte: Wie auch schon 2010 und 2011, hat das f├╝r Ausnahmegenehmigungen f├╝r Pestizide zust├Ąndige Bundesamt f├╝r Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) auch in diesem Jahr das Insektizid Santana wieder befristet zugelassen.

Die befristete Zulassung zur Drahtwurmbek├Ąmpfung im Mais erfolgte als "Zulassung f├╝r Notfallsituationen". Diese EU-weite Regelung erlaubt eine auf 120 Tage begrenzte Zulassung von Pestizidprodukten, die l├Ąngst verboten sind oder die f├╝r bestimmte Kulturpflanzen eigentlich nicht zugelassen sind, f├╝r den Fall, dass eine "Gefahr anders nicht abzuwehren ist". Rechtsgrundlage hierf├╝r ist seit Juni 2011 Artikel 53 der Verordnung (EG) Nr. 1107/2009. Santana wurde jetzt zum dritten Mal in Folge ├╝ber die Notfallregelung zugelassen. "Unter dem Deckmantel der
Notfallsituation werden Jahr f├╝r Jahr Ausnahmen f├╝r verbotene Pestizide genehmigt. Hier wird den ├Âkonomischen Interessen Einzelner Vorrang vor Umwelt- und Naturschutz einger├Ąumt und das zu einem volkswirtschaftlich fragw├╝rdigen Preis" so Carina Weber, Gesch├Ąftsf├╝hrerin von PAN Germany.

PAN kritisiert seit l├Ąngerem diese Praxis. Eine 2011 europaweit durchgef├╝hrte Auswertung der Genehmigungen in Notfallsituationen zeigt, dass entgegen der Absicht, hier Ausnahmen zu regeln, die Genehmigungen f├╝r Notfallsituationen in den letzten 4 Jahren von 59 auf 310 gestiegen sind und somit zu einem "Regelzustand" wurden.

PAN-Agrarexpertin Susan Haffmans: "F├╝r die Imker ist es nur ein schwacher Trost zu wissen, dass Santana nur begrenzt und unter Auflagen ausgebracht werden darf. Sie m├╝ssen sich im Zweifelsfall entscheiden, ob sie mit ihren Bienenk├Ąsten fliehen oder bleiben und hoffen, dass es zu keiner akuten oder chronischen Vergiftung ihrer V├Âlker kommt".

Das Mittel "Santana" ist ein Mikrogranulat mit dem sehr bienengiftigen Wirkstoff Clothianidin. 2008 war er f├╝r das Massensterben von 11.500 Honigbienenv├Âlkern und einer unbekannten Anzahl von Wildbienen in Deutschland verantwortlich. Damals wurden die Bienen durch die St├Ąube beim Auss├Ąen des behandelten Saatguts kontaminiert. L├Ąngst ist bekannt, dass die wasserl├Âslichen, systemischen und hoch bienengiftigen Neonicotinoide, zu denen Clothianidin z├Ąhlt, nicht am Ort ihrer Ausbringung verweilen, sondern sich ├╝berall in der Pflanze verteilen.
Auf diese Weise k├Ânnen Honig- und Wildbienen auch ├╝ber belasteten Nektar und Pollen mit dem Wirkstoff in Kontakt kommen. Auch die Kontamination ├╝ber das sogenannte Guttationswasser wird zunehmend als Problem erkannt.
Hierbei handelt es sich um kleine Tropfen, die von Pflanzen bei bestimmten Temperaturen ausgeschieden werden, die erhebliche Pestizidkonzentrationen aufweisen k├Ânnen und von den Bienen zur Deckung ihres Fl├╝ssigkeitsbedarfs aufgenommen werden.

F├╝r Nachfragen:
Susan Haffmans, susan.haffmans@pan-germany.org,
Tel. 040-3991910-25

Hintergrund Zulassungen f├╝r Notfallsituationen:
http://www.bvl.bund.de/DE/04_Pflanzenschutzmittel/01_Aufgaben/02_ZulassungPSM/01_ZugelPSM/02_Genehmigungen/psm_ZugelPSM_genehmigungen_node.html;jsessionid=448B6591867B55408C79D3A24D3ED611.1_cid103#doc1400532bodyText1

Diese Presse-Information ist auch als pdf-Datei verf├╝gbar unter:
http://www.pan-germany.org/download/presse/PI_Santana_Zulassung_2012.pdf


Eine weiter Pressemeldung dazu:
Presse Information vom 23. M├Ąrz 2012
Coordination gegen BAYER-Gefahren
 

Kritik an "Notfall-Zulassung" f├╝r Bienenkiller Clothianidin

Gegenantrag zur BAYER-Hauptversammlung am 27. April eingereicht / Proteste von Imkern / 1,2 Mio Unterschriften gesammelt
 
Das Bundesamt f├╝r Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat eine befristete Zulassung des Bienenkillers Clothianidin (Produktname: Santana) erteilt. Clothianidin war f├╝r die verheerenden Bienensterben im Jahr 2008 verantwortlich. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) fordert ein vollst├Ąndiges Verbot des Wirkstoffs sowie des Vorg├Ąnger-Produkts Imidacloprid.
 
Bereits in den vergangenen beiden Jahren war eine tempor├Ąre "Notfall-Zulassung" f├╝r Santana erteilt worden. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren kritisiert die Entscheidung des BVL, die eine Bedrohung f├╝r den Bestand von Bienen und Wildinsekten darstellt: "Der Einsatz von Clothianidin im Mais-Anbau ist mit gutem Grund verboten worden. Es kann nicht sein, dass diese Sicherheits-Ma├čnahme mit allj├Ąhrlich erneuerten Notfallzulassungen unterlaufen wird. Die st├Ąndige Ausweitung des Mais-Anbaus ist nicht akzeptabel, wenn diese nur mit der Ausbringung gef├Ąhrlicher Agro-Chemikalien m├Âglich ist", so Philipp Mimkes vom Vorstand der CBG.
 
Weder auf der Website des BVL noch auf der Homepage des Clothianidin-Herstellers BAYER finden sich Sicherheits-Datenbl├Ątter oder andere Produkt-Informationen zu Santana. Die genaue Zusammensetzung sowie die Auflagen f├╝r die Anwendung sind der ├ľffentlichkeit somit nicht bekannt. Auch ist unklar, auf wie viel Hektar Santana insgesamt eingesetzt werden darf.
 
Wegen der anhaltenden Vermarktung von Clothianidin hat die Coordination gegen BAYER-Gefahren einen Gegenantrag zur BAYER-Hauptversammlung am 27. April in K├Âln eingereicht. Nach Auffassung der CBG gef├Ąhrdet das BAYER-Management durch den fortgesetzten Verkauf hochgef├Ąhrlicher Pestizide wissentlich den Bestand von Bienen, Wildinsekten und V├Âgeln. Mehrere gro├če Studien hatten in den vergangenen Monaten die Risiken der Wirkstoffe best├Ątigt. Im vergangenen Jahr war eine Untersuchung der UN-Umweltbeh├Ârde zu dem Schluss gekommen, dass best├Ąubende Insekten, z.B. Bienen, durch Clothianidin und Imidacloprid chronisch vergiftet werden k├Ânnen. Umweltsch├╝tzer hatten 1,2 Millionen Unterschriften f├╝r ein sofortiges Verbot der Wirkstoffe gesammelt.
 
ÔÇ╣ber den Gegenantrag der CBG, der auch auf der website von BAYER ver├Âffentlicht wird, muss in der Versammlung offiziell abgestimmt werden. Zu der Protestaktion vor den K├Âlner Messehallen werden Imker aus ganz Deutschland sowie aus ├ľsterreich erwartet.
 
Alle Informationen zur Kampagne: www.cbgnetwork.org/2556.html
 

Der Gegenantrag im vollen Wortlaut:

 
Gegenantrag zu TOP 3: Der Aufsichtsrat wird nicht entlastet
Die Coordination gegen BAYER-Gefahren weist seit den 80er Jahren darauf hin, dass Pestizide eine gro├če Gefahr f├╝r die Tierwelt darstellen. Besonders gef├Ąhrlich sind die BAYER-Pestizide GAUCHO und PONCHO, die f├╝r Bienensterben in aller Welt mitverantwortlich sind. Im vergangenen Jahr erschienen mehrere gro├če Studien, die erneut die hohen Risiken f├╝r Bienen und Wildinsekten belegen. Aus Profitgr├╝nden stellt BAYER den Verkauf der Wirkstoffe dennoch nicht ein.

Bienen haben eine zentrale Bedeutung f├╝r die Best├Ąubung zahlreicher Pflanzen. Das Sterben der Tiere hat weitreichende Folgen f├╝r die weltweite ├ľkologie und gef├Ąhrdet die Weltern├Ąhrungsgrundlagen.

Im Dezember ver├Âffentlichte Dr. Jeffery Pettis, Leiter des Bee Research Laboratory des US-Landwirtschaftsministeriums, eine lang erwartete Studie. Die Untersuchung Pesticide exposure in honey bees results in increased levels of the gut pathogen Nosema belegt eine langj├Ąhrige Erfahrung von Imkern aus aller Welt: bereits minimale, sub-lethale Belastungen mit dem Pestizid GAUCHO f├╝hren dazu, dass Bienen deutlich h├Ąufiger von Parasiten befallen werden. Parasiten wie Nosema oder Varroa verringern die ÔÇ╣berlebensf├Ąhigkeit von Bienenv├Âlkern. Anders als BAYER stets behauptet, ist der Befall mit Parasiten jedoch nicht die Ursache der Bienensterben, sondern eine Folge der Schw├Ąchung des Immunsystems der Insekten durch Pestizide.

Im selben Monat belegte eine im Journal of Environmental & Analytical Toxicology erschienene Untersuchung, dass die von BAYER bei den Beh├Ârden eingereichten Studien das Risiko von GAUCHO und PONCHO massiv untersch├Ątzen. Der Toxikologe Dr. Henk Tennekes, einer der Autoren, fordert ein Verbot der Substanzklasse, um weitere Bienen- und Vogelsterben zu verhindern.

Im Januar 2012 folgte die Ver├Âffentlichung der Studie Multiple Routes of Pesticide Exposure for Honey Bees Living Near Agricultural Fields von Forschern der Purdue University (USA). Die Untersuchung zeigt, dass Bienen ├╝ber mehrere Wege Pestizide wie PONCHO aufnehmen, u.a. ├╝ber den Pollen, den Nektar und ├╝ber Saatgut-Abrieb. In allen untersuchten Bienen fanden die Forscher den Giftstoff. Hierdurch wird die Behauptung von BAYER widerlegt, wonach die Bienen mit PONCHO nicht direkt in Kontakt kommen. Nach Angabe der Autoren kann die Pestizidbelastung entweder zu sofortigen Bienensterben oder  zu Orientierungsverlust und einer gest├Ârten Kommunikation der Bienen untereinander f├╝hren. Der Wirkstoff von PONCHO befindet sich wegen seiner hohen Persistenz noch Jahre sp├Ąter im Boden und reichert sich in Wildpflanzen wie L├Âwenzahn an. L├Âwenzahn ist im Fr├╝hling und Herbst eine wichtige Nahrungsquelle f├╝r Insekten. Die Bienen sind daher das ganze Jahr ├╝ber dem Giftstoff ausgesetzt - gerade diese chronische Belastung hat verheerende Folgen.

Bereits im letzten Fr├╝hjahr ver├Âffentlichte die UN-Umweltbeh├Ârde einen Bericht zu Bienensterben in aller Welt. PONCHO und GAUCHO werden darin als Bedrohung zahlreicher Tiere bezeichnet. W├Ârtlich hei├čt es darin: "Systemische Insektizide, die zur Behandlung von Saatgut verwendet werden, wandern von den Wurzeln in die gesamte Pflanze und in die Bl├╝ten. Dadurch k├Ânnen best├Ąubende Insekten chronisch vergiftet werden".

Eine interne Bewertung der US-Umweltbeh├Ârde EPA, die im Jahr 2010 in die ├ľffentlichkeit gelangte, bezeichnet die von BAYER vorgelegten Studien ebenfalls als "unzureichend". Dem EPA-Memorandum zufolge besteht besonders f├╝r Honigbienen ein gro├čes Risiko. Da die Zulassung in den USA auf eben diesen Studien beruht, fordern zahlreiche amerikanische Umwelt- und Imkerverb├Ąnde einen sofortigen Entzug der Zulassung.

Die im selben Jahr von italienischen Wissenschaftlern ver├Âffentlichte Studie The puzzle of honey bee losses kam zu dem Schluss, dass der Einfluss von Pestiziden f├╝r das weltweite Bienensterben untersch├Ątzt wird und dass Forscher, die Zuwendungen von der Chemie-Industrie erhalten, die Risiken systematisch untersch├Ątzen.

Obwohl BAYER seit vielen Jahren auf die Probleme hingewiesen wird, handelt der Konzern aus reinen Profitgr├╝nden nicht. Der Umsatz von ca. 800 Millionen Euro ist BAYER wichtiger als der Schutz der Umwelt. In Frankreich, Italien und auch in Deutschland wurden die gef├Ąhrlichsten Anwendungen von PONCHO und GAUCHO zwar verboten. Dies hindert den BAYER-Konzern jedoch nicht daran, die Giftstoffe weiterhin in ├╝ber 100 L├Ąnder zu exportieren. In diesem Zusammenhang f├Ąllt auf, dass im aktuellen Gesch├Ąftsbericht - anders als in den Vorjahren - der Umsatz von GAUCHO und PONCHO nicht ausgewiesen wird.

Umweltsch├╝tzer sammelten im vergangenen Jahr 1,2 Millionen Unterschriften f├╝r ein Verbot von GAUCHO und PONCHO. Der BAYER-Konzern hat auch hierauf nicht reagiert und nimmt die weitere Sch├Ądigung der Tierwelt billigend in Kauf.

Der Aufsichtsrat hat sich nicht daf├╝r eingesetzt, die gef├Ąhrlichen Wirkstoffe vom Markt zu nehmen, um Natur und Artenvielfalt zu sch├╝tzen. Ihm ist daher die Entlastung zu verweigern.
 
Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG)
eMail        CBGnetwork@aol.com
Internet     www.CBGnetwork.org
Twitter:      twitter.com/BayerGefahren
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Tel 0211-333 911, Fax 0211-333 940
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Saatgutbehandlung t├Âtet Bienen

Am 01.05.2012 von Diethelm Schneider verfasst.